Alain Bernard - Vater des Jazztanzes sowohl in der Schweiz als auch im Ausland

Was sagte der Meister dazu. Lassen wir ihn doch mal zu Wort kommen und schauen wir, was er anno 1959 über diese aufkommende Kunst, den Jazz-Tanz zu vermelden hatte. Hinweisen möchte ich noch darauf, dass damals das Wort "Neger" nicht verpönt war, sondern ein korrekter Ausdruck für "Schwarze" oder "Farbige", wie wir Menschen afrikanischer Abstammung heute nennen.

Was ist Jazz-Tanz? - Ein Artikel aus dem ersten Programm-Heft der Jazz Dance Studio Company

In Amerika seit ungefähr 30-40 Jahren in steter Entwicklung begriffen und nicht mehr aus dem Tanzleben der Vereinigten Staaten wegzudenken, findet der Jazztanz in Europa erst seit wenigen Jahren eine weitere Verbreitung. In der Schweiz im speziellen ist diese Tanzart beim breiten Publikum noch kaum bekannt, und wenn davon die Rede ist, stellen sich die meisten Leute ausgezogene und popowackelnde Mädchen vor, oder sie glauben gar, dass es sich dabei um eine Art Gesellschaftstanz handelt. Das, was bei uns oft unter dem Decknamen Jazztanz unterricht wird, ist in den meisten Fällen auch nicht viel besser als das, was in zweitrangigen Revuen geboten wird und ist vom richtigen Jazztanz sehr weit entfernt.

Doch soll zuerst kurz die Entwicklung des Jazztanzes aufgezeichnet werden. Die Anfänge dieser Tanzart reichen bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts zurück, wo Negersklaven durch ihre Tänze, die sie aus Afrika mitgebracht und ihren Kindern in mehr oder weniger authentischer Form weitervererbt hatten, weisse Künstler inspirierten, sich diese Tanzart anzueignen und in den sogenannten Minstrel-Shows auf die Bühne zu bringen. Den Negern selber war es verständlicherweise als Sklaven kaum möglich, öffentlich aufzutreten. Wenn es bei den Negern im Grunde noch um Ekstase ging, was deutlich auf den afrikanischen Ursprung der Tänze hinweist, so lag den Minstrels nur an der exotischen Show. Man wollte das Publikum unterhalten, wobei natürlich das religiöse und ekstatische Moment dieser Tänze gänzlich verloren ging.

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts nun starben die Minstrel-Shows allmählich aus. Revuen, Operetten und dann der Film nahmen ihren Platz ein. In den Neger-Revuen, die von Negertruppen bespielt wurden, stellte der Tanz einen wichtigen Bestandteil dar. Es waren dies immer noch Tänze afro-amerikanischen Ursprungs zu Jazzmusik, die dann in den zwanziger Jahren auch den Gesellschaftstanz entscheidend beeinflussten.

Eine systematische Entwicklung nahm der Jazztanz aber erst gegen Ende der zwanziger, Anfang dreissiger Jahre, als sich allmählich das Musical als eine neue Form der Bühnenunterhaltung durchzusetzen begann. Waren es zu Anfang noch die Girl-Truppen, die die Einlagen bestritten, so kam allmählich auch das Ballett auf die Musical-Bühne, und aus der Einlage wurde ein Bestandteil der Handlung. Mit der Zeit suchte man eine eigenständige amerikanische Tanzform für das Musical, und man besann sich der Neger-Tänze, d.h. des Jazztanzes.

Das erste grosse Musical, das in einer eigenen Form Tänze als integrierenden Bestandteil der Handlung verwendete, war "Oklahoma!" in der Choreographie von Agnes de Mille. Das Musical wurde verfilmt, und wir erinnern hier an die zündenden Tanzszenen im "Traum-Ballett" oder auf der "Bahnstation".

Ein weiteres Element, das den Weg ins Musical fand, war der Step-Tanz, der ebenfalls von den alten Minstrel-Shows her kam.

Die Entwicklung des Jazztanzes setzte sich fort und fand ihren unbestrittenen Höhepunkt in dem Musical "West Side Story", wo Tanz und Handlung eine Einheit bildeten. "West Side Story" wird allen in lebhafter Erinnerung sein durch die überall mit grossem Erfolg gezeigte Filmversion. Der Schöpfer dieses Musicals war der Chroreograph Jerome Robbins, der zugleich auch der Regisseur des Stückes war. Dadurch entstand die vollkommene Einheit von Tanz und Handlung.

Jerome Robbins kam vom Ballett her, er war lange Jahre hindurch Tänzer des American Ballet Theatre und später künstlerischer Mitleiter des New York City Balletts. Für das Ballet Theatre schuf er seine erste Choreographie "Fancy Free" zu der Musik von Leonard Bernstein, dem Komponisten der "West Side Story". Das Ballett "Fancy Free" wurde im Jazztanz-Stile choreographiert und war somit das erste Jazz-Ballett im Repertoire einer klassischen Kompanie. Der Erfolg dieses Balletts war so gross, dass das Team Robbins-Bernstein sich entschloss, aus dieser Idee das Musical "On the Town" zu machen, das mit Riesenerfolg am Broadway aufgeführt wurde.

So eroberte sich der Jazztanz allmählich in die Bühnen Amerikas als unentbehrlicher und wichtiger Bestandteil.

Dies ist in groben Zügen die Entwicklung des Jazztanzes. Parallel mit dem Siegeszug dieser Tanzart auf der Bünhe, entwickelte sich aber auch die Notwendigkeit, Tänzer in diesem neuen Stile auszubilden. Es begannen Schulen zu entstehen, worin junge Leute in dieser Tanzart unterrichtet wurden. Als Urheber dieser Entwicklung kann man wohl Jack Cole ansehen, der aus der Dennis Shawn Schule kam, wo er Tanz in der modernen, vom klassischen Ballett abgewandten Form studiert hatte. Er entwickelte einen eigenen Stil, der stark vom afro-kubanischen, afro-amerikanischen und indischen Tanz beeinflusst wurde. Jack Cole, der hauptsächlich in Hollywood tätig ist arbeitet und choreographiert heue sehr viele Tänze für Filme und Musicals. Aus seiner Schule, und inspiriert durch seinen Stil, entwickelten sich eine Unzahl anderer Jazztanzlehrer. Heute gehört es zum Programm jeder Ballettschule Amerikas, dass den Schülern in gleichem Masse klassisches Ballett und moderner Jazztanz unterrichtet wird.

Wie sieht es nun aber mit dem Stil des Jazztanzes aus? Der Jazztanz hängt zum grossen Teil von der Individualität des Lehrers ab. Er ist nicht kodifiziert wie das klassische Ballett. Geht man zu Beispiel zu 5 verschiedenen Jazztanzlehrern, wird man 5 verschiedene Stile antreffen, die allerdings in ihrer Grundkonzeption einander ähnlich sind. Da fast alle Jazztanzlehrer der älteren Generation auch eine Ausbildung in einer andern Tanzart – Ballett oder Moderner Tanz – hatten, ist der Jazzstil des betreffenden Lehrers eben von dieser Grundausbildung her beeinflusst. Heute gibt es nun aber bereits eine ganze Reihe Jazzpädagogen, die ausschliesslich vom Jazztanz her kommen.

Der Unterricht im Jazztanz hat eine feste Form, ein festes Exercise und erfordert ein ganz intensives Training. Der Schüler soll in ersten Linie die Körperbeherrschung erlernen. In immer gleichbleibenden Übungen lernt er die verschiedenen Körperpartien zu gebrauchen und seine Muskeln zu trainieren.

Er hat die Möglichkeit, an seinem Körper zu arbeiten und sich in den Übungen zu vervollkommnen. Er kann so das Metier des Tänzers erlernen, auch wenn er noch nie Unterricht in irgend einer andern Tanzform hatte.

Eines allerdings kann man beim Jazztanz nicht erlernen. Entweder man hat es oder man bekommt es nie, das sogenannte Jazz-Feeling. Bei den Negern ist es Bestandteil ihrer Mentalität, ihres ganzen Seins, bei den Weissen findet man es oft, aber es muss in den meisten Fällen erst geweckt werden. Und erst wenn ein Jazz-Feeling vorhanden ist, wird der Jazztanz zu dem, was er sein soll – zu einer Tanzart, die jung und sportiv ist, die die Lebensfreude ausdrückt, die der heutigen Zeit angepasst ist, wo wie wir es in "West Side Story" gesehen haben!

Alain Bernard